Vor 90 Jahren: Bugatti siegt beim Großen Preis Nationen 1929
Molsheim



Es ist eine Materialschlacht sondergleichen. Zwei Jahre nach Eröffnung des Nürburgrings kämpfen 33 Rennfahrer in der Eifel um den Sieg. Am Ende gewinnt vor 90 Jahren Louis Chiron auf einem Bugatti Type 35C den „Großen Preis der Nationen“ auf dem Nürburgring. Ein Sieg, der in Anbetracht der schwierigen Strecke und der harten Konkurrenz noch mehr wiegt als bei anderen Rennen in diesem Jahr.
Anders als heute sind die Rennfahrer auf der Nord- und Südschleife unterwegs, der sogenannten „Gebirgs-, Renn- und Prüfungsstrecke“. Eine Runde beträgt 28,265 Kilometer, davon 7,7 Kilometer auf der Südschleife. Insgesamt 18 Rennrunden müssen die Fahrer zurücklegen, bis zur Zielankunft sind das 508,77 Kilometer. Die Strecke ist nicht vollständig fein säuberlich asphaltiert, die Auslaufzonen sind damals eher klein. Dazu kommt ein starkes Teilnehmerfeld. Ursprünglich sollte das Rennen in der Eifel „Großer Preis von Deutschland“ heißen, aber der Name war für reinrassige Rennwagen-Veranstaltungen vorgesehen. Das Rennen am 14. Juli ist dagegen offen für mehrere Sportwagen-Klassen.
Bugatti geht mit drei leichten Werkswagen an den Start
So stellt Mercedes vier starke SSK-Rennwagen mit einem 7,1-Liter-Kompressor-Motor an den Start, der Deutsche Rudolph Caracciola steht auf der Pole Position. Bugatti kontert mit drei leichten Werkswagen, dazu starten Privatfahrer auf Bugatti und anderen Modellen. Die Trainingszeiten haben damals keinen Einfluss auf die Startaufstellung beim Rennen, es zählt allein der Zeitpunkt der Anmeldung und die Motorenklasse.
Caracciola kommt vom Start gut weg, lässt seinen bärigen 7,1 Liter großen Kompressormotor aufheulen und übernimmt die Führung. Dicht dahinter folgen die ersten Bugatti-Type 35-Modelle, kommen immer näher. Schon in der vierten Runde setzen sich die leichten und wendigen Bugatti-Rennwagen durch. Denn anders als auf kurzen und ebenen Rundkursen besticht der noch neue Nürburgring durch seine vielen Kurven, Gefälle, Sprunghügel und großen Höhenunterschiede. Zwischen den Streckenabschnitten Breidscheid und der Hohen Acht liegen bis zu 300 Höhenmeter. Wendige Fahrzeuge wie der Type 35 sind hier im Vorteil. Und das, obwohl er in der kleineren Klasse zwischen 1,5 und 2,0 Liter startet, nicht wie Mercedes in der „Über-3-Liter-Klasse“.
Der Bugatti Type 35 zählt zum erfolgreichsten Rennwagen aller Zeiten
Der Bugatti Type 35 gehört zu den erfolgreichsten Rennwagen aller Zeiten. Mehr als 2.000 Siege fährt der offene Sportwagen des französischen Herstellers zwischen 1924 und 1930 ein. Das wird deshalb auch das „goldene Jahrzehnt“ genannt. Der bewährte Type 35C von Louis Chiron läuft von Beginn an gewohnt einwandfrei. Der offene Grand-Prix-Wagen überzeugt durch seinen 2,0-Liter-Reihenachtzylinder mit Kompressor und rund 130 PS sowie seine Höchstgeschwindigkeit von über 200 km/h. Daneben, und das ist der größte Vorteil, besticht das Fahrzeug durch seine Zuverlässigkeit und den konsequenten Leichtbau. Motor und Getriebegehäuse bestehen ebenso aus Aluminium wie auch Karosserie und Räder. Die geschmiedete Vorderachse ist in der Mitte hohl, an den Enden jedoch massiv. Das reduziert das Gewicht auf nur rund 750 Kilogramm – auf dem hügeligen Kurs in der Süd-Nordschleife wedelt der Type 35C flink um die Kurven. Kein Wunder, dass Louis Chiron in 15:06 Minuten die schnellste Rennrunde mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 112,31 km/h fährt. Die schwereren Rennwagen der Konkurrenten können da nicht mithalten.
Nach 4 Stunden und 46 Minuten fährt Luis Chiron als Erster über die Ziellinie, Zweiter wird der Franzose Georges Philippe, ebenfalls auf einem Bugatti Type 35C, der knapp zwölf Minuten später ins Ziel kommt. Die beiden deutschen Fahrer August Momberger und Max von Acro-Zinnberger auf einem Mercedes erreichen knapp 15 Minuten nach Louis Chiron das Ziel. Die Plätze vier und fünf gehen wieder an Bugatti, ebenso wie sieben, acht und zehn. Caracciola fällt in der fünften Runde wegen eines Motorschadens aus.
Von den 44 gemeldeten Rennfahrern gehen 33 an den Start, nur 14 werden am Ende auch gewertet. Damit erreicht genau die Hälfte aller gewerteten Fahrer mit einem Bugatti das Ziel. Bugatti zeigt im „goldenen Jahrzehnt“ einmal mehr, wie schnell und zuverlässig seine Autos sind. An diesem Sonntag, vor 90 Jahren.