
Der Nervenkitzel, Geschichte zu schreiben: die Entwicklung und Erprobung des Bugatti Veyron

Molsheim
In der Geschichte des Automobils werden viele Fahrzeuge anhand von Zahlen und Leistungsdaten definiert, während andere dafür in Erinnerung bleiben, wie sie eine ganze Ära beeinflusst haben. Der Bugatti Veyron gehört jedoch zu einer noch selteneren Kategorie: Er schuf ein völlig neues Segment und war das erste Hypercar überhaupt – ein Meisterwerk, das die Grenzen des Vorstellbaren grundlegend neu definierte und eine emotionale Bindung schuf, die auch lange nach seinen Rekordfahrten noch Bestand hat. Für Loris Bicocchi, den damaligen Experten für Hochgeschwindigkeitstests bei Bugatti, war die Erprobung des Veyron eine zutiefst persönliche Reise, geprägt von Ehrfurcht, Verantwortung und einem bleibenden Gefühl der Privilegiertheit.








Auch nach zwanzig Jahren bleibt der Bugatti Veyron ein Meilenstein in der Automobilgeschichte. Für den Mann, der von Anfang an damit betraut war, die Grenzen des ersten Prototyps auszuloten, ist diese Erfahrung heute noch genauso lebendig wie zu Beginn des Projekts. Loris Bicocchi empfand den Veyron als Begegnung mit etwas völlig Neuem – einer Maschine, die mit nichts zuvor Dagewesenem zu vergleichen war.
Der Veyron war jedoch nicht sein erstes Treffen mit der berühmten Marke. Der italienische Geschwindigkeitsspezialist nahm von 1990 bis 1995 am Testprogramm für die spektakulären Modelle EB110 GT und EB110 SS teil und war daher bestens mit den bemerkenswerten Leistungswerten vertraut, die die Allrad-Supersportwagen von Bugatti erreichen konnten.
Doch als er 2001 einen Anruf erhielt, in dem er nach seiner Verfügbarkeit für ein neues Bugatti-Projekt gefragt wurde, wusste er noch nicht, was ihn erwarten würde. Inoffiziell herrschte in der Automobilwelt jedoch bereits große Aufregung.
„Alle Autoliebhaber hatten Gerüchte über den Veyron gehört. 1.001 PS, mehr als 400 km/h, sechzehn Zylinder – sechzehn. Können Sie sich das vorstellen? Selbst heute noch bekomme ich Gänsehaut, wenn ich davon spreche.“
Loris Bicocchi
Experte für Hochgeschwindigkeitstests beim Bugatti VeyronSeine erste Fahrt mit dem neuen Bugatti fand auf der Michelin-Teststrecke in Ladoux, Clermont-Ferrand, statt, wo er sich hinter das Steuer eines rot-schwarzen Prototyps setzte. Die Spannung wich schnell der Begeisterung. „Ich war so aufgeregt, dass ich nicht einmal auf die offiziellen Tests am Montagmorgen warten konnte“, erinnert sich Bicocchi. „Ich fuhr am Sonntag, als das Auto geliefert wurde, zum Testgelände und setzte mich ins Auto. Als die Ingenieure am nächsten Tag eintrafen, war ich ganz darauf konzentriert, ihnen meine ersten Eindrücke mitzuteilen. Kurz gesagt: wir waren alle begeistert von dem, was das Auto bereits zu bieten hatte.“
Zu diesem Zeitpunkt verfügte der Veyron über doppelt so viel Leistung wie jedes andere Serienfahrzeug. Selbst für einen Fahrer mit Erfahrung in den modernsten Supersportwagen gab es keinen Bezugswert. „Ich wusste nicht, was mich erwarten würde“, erklärt Bicocchi. „Ich traute mich nicht, Vollgas zu geben. Es war so beeindruckend – verrückt, fast unbeschreiblich. Man verstand sofort, wofür dieses Auto stehen würde.“
Die Erprobung des Veyron bedeutete, Neuland zu betreten. Bei Geschwindigkeiten von über 400 km/h änderten sich die Regeln für Aerodynamik, Stabilität und Bremsverhalten komplett.
„Ab 300 oder 320 km/h ändert sich alles. Vor allem die Aerodynamik. Jedes einzelne Detail zählt. Ich musste alle Referenzen, die ich im Laufe meiner Karriere aufgebaut hatte, neu justieren, denn der Veyron war einfach mit keinem anderen Fahrzeug zu vergleichen, das ich zuvor gefahren war.“
Loris Bicocchi
Experte für Hochgeschwindigkeitstests beim Bugatti VeyronÜber die technische Herausforderung hinaus gab es noch ein weiteres entscheidendes Ziel: Der Veyron sollte ein Hypersportwagen sein, der von Fahrern unter allen Bedingungen sicher und souverän pilotiert werden kann. „Das war eine enorme Verantwortung, sowohl für mich als auch für die Marke“, erinnert sich Bicocchi. „Ja, wir mussten ein unglaubliches Auto entwickeln – aber eines, das von jedem gefahren werden konnte, nicht nur von professionellen Fahrern. Es war echte Teamarbeit – eine Expertengruppe, die alle Bereiche abdeckte – und wir alle haben gemeinsam gelernt, während wir Geschichte geschrieben haben. Das war unglaublich.“
Für Bicocchi war die emotionale Bedeutung des Projekts untrennbar mit der Geschichte von Bugatti verbunden. Der Veyron stand für die Wiedergeburt einer Marke wie keine andere. Während den langen Reisen zwischen den Teststandorten auf der ganzen Welt vertiefte er sich erneut in die Geschichte von Ettore Bugatti und nahm sich die Zeit, ein tiefes Verständnis für die Marke, Ettores Vision von 1909 und das, was ihr Erbe so einzigartig reich macht, zu entwickeln.
Ein Moment ist ihm besonders in Erinnerung geblieben – die Hochgeschwindigkeitsprüfung in Ehra-Lessien. „Ich erinnere mich, dass ich aufgefordert wurde, voll zu beschleunigen und dann bei über 400 km/h voll zu bremsen“, erinnert sich Bicocchi. „Das war unglaublich stressig und aufregend zugleich. Wenn man sein Ziel erreicht hat und das ganze Team zu einem kommt um zu feiern, hat man wirklich das Gefühl, Teil einer Familie zu sein – und Teil der Geschichte.“
Auch heute, mehr als 20 Jahre später, ist dieses Gefühl noch immer präsent. Mit diesem für die Automobilwelt wegweisenden Schritt blieb Bicocchi und dem gesamten Team hinter dem Veyron die Begeisterung, an einem legendären Meilenstein in der Geschichte des Automobils beteiligt gewesen zu sein. Für Bicocchi liegt die anhaltende Relevanz des Veyron vor allem in einer charakteristischen Eigenschaft von Bugatti: seiner Zeitlosigkeit. „Ein Bugatti ist zeitlos und sollte es auch bleiben“, fasst er zusammen. „Wenn man sich das Design, die Linienführung und die Emotionen ansieht, die sie hervorrufen, wird einem klar, dass sie nicht an eine bestimmte Epoche gebunden sind. Das macht Bugatti so besonders.“
Während Bugatti weiterhin die Zukunft der Hypersportwagen gestaltet, bleibt der Veyron eine herausragende Errungenschaft – er ist der Moment, in dem das Unmögliche Wirklichkeit wurde, und ein Auto unvergleich wurde: sowohl hinsichtlich seiner Leistung als auch hinsichtlich der tiefen Emotionen, die es weltweit weiterhin hervorruft.
