
Mehr als ein Automobil: die zeitlose Leidenschaft für Bugatti-Rennwagen
Molsheim
Es gibt nur wenige Fahrzeuge, die sich einen so herausragenden Ruf wie der Bugatti Type 35 erworben haben. Mehr als ein Jahrhundert nach seinem Renndebüt werden die erhaltenen Exemplare noch immer auf genau jenen Rennstrecken gefahren, auf denen sich ihr Ruf begründet hat. Sie werden von einer kleinen, aber engagierten Gemeinschaft von Besitzern gefahren, für die das Rennen mit diesen Fahrzeugen kein Hobby, sondern eine Berufung ist. Thierry Stapts, Fahrer eines weißen Type 35 hundert Jahre nach dessen Fertigung in Molsheim, ist einer von ihnen.








Seine Beziehung zum Bugatti Type 35 begann bereits in seiner Kindheit, als er von Tim und Struppi fasziniert war, dem Comic-Abenteurer, in dessen Geschichten gelegentlich ein solcher Bugatti vorkam. Dieses Bild blieb ihm jahrelang im Gedächtnis. Als sich ihm dann die Gelegenheit bot, gemeinsam mit einem engen Freund einen originalen Type 35 aus dem Jahr 1926 zu erwerben, ergriff er sie ohne zu zögern. Es ist leicht nachvollziehbar, warum dieses Auto einen so bleibenden Eindruck hinterlässt, denn nur wenige Rennwagen in der Geschichte haben sich einen vergleichbaren Namen gemacht.
Als Ettore Bugatti den Type 35 beim Grand Prix von Lyon 1924 vorstellte, repräsentierte er etwas völlig Neues: ein Auto von außergewöhnlicher Leichtigkeit, Ausgewogenheit und mechanischer Raffinesse, das sich von allem unterschied, was zu dieser Zeit auf den Rennstrecken zu sehen war. Was folgte, war eine der größten Siegesserien des Motorsports – über 2.500 Siege bei Straßenrennen, Rallyes, Gleichmäßigkeitsprüfungen und Bergrennen –, die seinen Platz als erfolgreichstes Rennfahrzeug seiner Ära festigte.
In das Cockpit eines Type 35 zu steigen, bedeutet, etwas zu erleben, was nur wenige Menschen auf der Welt erleben können. Das Auto versetzt den Fahrer mitten ins Geschehen: Der Kopf ragt über die Karosserie hinaus, man ist völlig ungeschützt, der Klang des Motors erfüllt die Luft, und der Geruch von Benzin und Öl liegt unmittelbar in der Nase. Die Vibrationen, die durch das Auto gehen, sind ein ständiger Dialog zwischen Fahrer, Fahrzeug und Rennstrecke. Der Type 35 fühlt sich, wie Thierry es ausdrückt, irgendwo zwischen einem Rennwagen und einem Motorrad an. Es ist ein Gefühl, das jeder seiner Fahrer kennt und von dem keiner genug bekommt.
Das Bemerkenswerte an diesen heute noch erhaltenen Exemplaren ist, wie wenig von ihrer Faszination in hundert Jahren verloren gegangen ist. Die Lenkung übermittelt alle Informationen, der Motor hat Charakter. Den Type 35 erfolgreich zu fahren bedeutet, mit dem Auto zu arbeiten, seine Anforderungen zu verstehen und ihnen gerecht zu werden. Was er dafür zurückgibt, kann kein modernes Auto nachahmen.
Dieser Lernprozess braucht seine Zeit. Thierry fährt seinen Type 35 seit sieben Jahren und sagt, er lerne immer noch dazu. Damit ist er nicht allein. In der Gemeinschaft der Besitzer, die mit diesen Autos Rennen fahren, wird die Beziehung zum Type 35 nicht in Saisons, sondern in Jahrzehnten gemessen, und es gibt immer noch Neues zu entdecken. Auf dem Weg zur Rennstrecke sind diese Besitzer untereinander sehr herzlich, aber sobald die Zeitmessung beginnt, geben sie alle so viel Gas, wie es das Auto zulässt.
Hinter jeder Rennrunde steckt ein erheblicher Arbeitsaufwand. Ersatzteile sind rar und müssen oft von Grund auf neu angefertigt werden, da das erforderliche Fachwissen für die Arbeit an diesen Fahrzeugen nur schwer zu finden ist. Wie Thierry anmerkt, stammt ein Großteil dessen, was historische Bugattis auf der Rennstrecke hält, aus Großbritannien, wo Spezialisten Jahr für Jahr weiterhin Komponenten herstellen.
Thierrys Mechaniker, Pascal Dussouchet, ein außergewöhnlich engagierter Spezialist, der sich mit Leidenschaft um historische Bugattis kümmert, ist der Grund dafür, dass das Auto sowohl wettbewerbsfähig als auch sicher bleibt. Es ist eine Beziehung, die auf Vertrauen und dem gemeinsamen Verständnis beruht, dass diese Autos eine fachgerechte Pflege verdienen. Sie werden intensiv gefahren und dementsprechend auch intensiv gewartet.
Nach sieben gemeinsamen Jahren ist der Type 35 für Thierry mehr als nur ein Rennwagen geworden. Er nennt ihn liebevoll „Großmutter“: alt, agil und wunderschön. „Er ist wie ein Teil meiner Familie“, fügt er hinzu. Dieses Gefühl teilt die gesamte Community. Die Menschen, die diese Maschinen fahren, teilen etwas, das man Außenstehenden nur schwer erklären kann. Es ist ein Band, das durch gemeinsame Leidenschaft und die gemeinsame Weigerung entstanden ist, diese Autos stillstehen zu lassen. „Je mehr man das Auto fährt, je öfter man zu den Rennen geht, je mehr Bugatti-Fans man trifft, desto mehr wird einem bewusst, wie viel Glück man hat, einen Type 35 zu fahren.“
Der Veranstaltungskalender dieser Autos ist bemerkenswert. Monaco, Le Mans Classic, Goodwood und Angoulême stehen regelmäßig auf dem Programm. Villareal im Norden Portugals ist ein besonderer Favorit von Thierry, Donington Park ist sein nächstes Ziel. Von allen hat Monaco eine besondere Bedeutung. Durch die Straßen zu rasen, auf denen William Grover-Williams 1929 am Steuer eines Type 35B den allerersten Grand Prix von Monaco gewann, bedeutet, Geschichte nicht als etwas Fernes zu empfinden, sondern als etwas, das unter den Rädern lebendig wird.
An jedem Austragungsort ist die Geschichte allgegenwärtig. Es sind jene Rennstrecken, die Grover-Williams, Albert Divo und Tazio Nuvolari zu Legenden machten – Fahrer, die gemeinsam den Grand-Prix-Sport der späten 1920er Jahre prägten und den Type 35 zum beeindruckendsten Rennwagen seiner Generation machten.
Genau das Modell, das sie damals fuhren, ist bis heute auf der Rennstrecke unterwegs – in den Händen derer, die das Glück haben, diese Geschichte weiterzuführen. Thierry Stapts ist einer von ihnen, und wie alle anderen hat auch er nicht die Absicht, aufzuhören. Fragt man ihn, ob es jemals eine Zeit geben wird, in der er aufhört, den Type 35 zu fahren, muss er nicht lange überlegen. „Solange ich kann“, sagt Thierry. „Ich kann nicht aufhören. Auf keinen Fall.“
